Autotomie

Bericht über Selbstamputationen/Selbstschneidungen und den Umgang damit

veröffentlicht in der ARACHNE Ausgabe Juli 2012

Ich befasse mich seit 2008 intensiv mit Vogelspinnen vorwiegend mittel- und südamerikanischer Herkunft. Mittlerweile hat sich mein Bestand sehr ansehnlich erweitert, was mir auch Vergleichsmöglichkeiten innerhalb einer Art, Verhaltensstudien unter den Arten selbst ermöglicht.

Ich muss sagen, dass ich anfangs auch etwas Panik in Bezug auf Bein- und andere Verletzungen bei meinen Vogelspinnen hatte. Man muss ganz genau beobachten, wieviel Hämolymphe bei Verletzungen zum Beispiel austritt. Denn wenn es nicht zum „STOP“ kommt, muss man eingreifen und sein Tier unterstützen.

Aphonopelma chalcodes

Angefangen hatte es diesbezüglich mit einer Aphonopelma chalcodes, wobei ihr das 4. rechte Bein fehlte, welches aber genau an der Sollbruchstelle abgetrennt war. Sie zog am 10.5.2009 in ein bereits vorbereitetes Terrarium ein, zeigte sich sehr zurückhaltend und war auch nicht sonderlich aktiv, was ich bereits bei allen meinen Zöglingen beim Einzug in ein noch unbekanntes „Kleinbiotop“ beobachten konnte. Ich machte mir schon etwas Sorgen, bemerkte dann auch irgendwann ihre kaputten Giftzähne, die richtig herunterhingen. Ab sofort war ich viel im Internet unterwegs, unterhielt mich beim Stammtisch in Nürnberg mit erfahrenen Vogelspinnenhaltern, um eine Möglichkeit zu finden, sie bis zur nächsten Häutung zu bringen. Die Fähigkeit der Regeneration, welche ich sehr faszinierend und eigentlich nicht zu begreifen finde, ist mir bekannt.

Während der gesamten Zeit bis zur nächsten Häutung achtete ich auf das Einhalten der exakten Haltungsbedingungen, das heißt Tagestemperaturen bis 26°C und eine Luftfeuchtigkeit zwischen 60-70%. Ich bot ihr immer frisches Wasser an, was sie auch nachweislich nutzte. Der Hinterleib fiel nicht ein, nahm aber doch etwas ab. Ich hatte gelesen, dass man es mit frischem (nicht vorher gefrorenem) Rinderblut oder Rinderherz versuchen kann, da Rinderblut einen geringen Anteil an Fetten, gesättigten Fetten, Zucker und Salz enthält, also einen gewissen Nährwert hat. Außerdem hat es die entsprechende Konsistenz, um aufgenommen werden zu können. Also machte ich mich auf zum Metzger und orderte Blut und Herz, was sicherlich dem Metzger spanisch vorkam. Ich erklärte die Situation. Das Blut reichte ich ihr in einem Blumenuntersetzer. An den Erdresten im Blutnapf konnte ich erkennen, dass sie sich dafür interessiert haben musste, kann es aber nicht 100% ig sagen, da ich es nicht gesehen habe. Aus dem Rinderherz schnitt ich einen 1cm³ Würfel aus und legte ihn dazu, da er ja auch eine gewisse „Feuchtigkeit“ enthielt. Ein Versuch war es auf alle Fälle wert.

Ab sofort bot ich ihr auch ganz frisch gehäutete Grillen an, indem ich sie ihr direkt unter den Körper schob. Ganz langsam senkte sie dann ihren Körper ab und nahm das Futter an. Durch den Druck der Pinzette, war sicherlich die Chitinhülle der Grille eingerissen, so dass Körperflüssigkeit austrat, die dann problemlos aufgesaugt werden konnte. In der Folgezeit blieb sie weiter recht inaktiv, denn sie musste mit ihren Kräften ja haushalten.

Am 8.9.2009 kam ich aus meinem Sommerurlaub von Kuba wieder und bemerkte, dass sie sich erfolgreich in der Zwischenzeit gehäutet hatte. Alles war wieder dran und funktionsfähig. Seitdem erfreut sie sich bester Gesundheit, hat in ihrem Terrarium auch eine Tegenaria atrica als Untermieter, die es sich unter einer Wurzel gemütlich gemacht hat.

Brachypelma emilia

Am 7.9.2008 zog bei uns die Lieblingsspinne meiner Tochter ein, eine Brachypelma emilia. Damals waren wir noch in der Annahme, ein Weibchen erstanden zu haben. Von den äußerlichen Aspekten sah „sie" wirklich wie ein Weibchen aus, hatte auch die entsprechende Größe und nach Verkäuferauskunft, das entsprechende Alter (DNZ 2001).

Die erste erfolgreiche Häutung bei uns war am 18.6.2009.

Knapp 5 Monate später, am 13.11.2009 dann der „Schock“, im Terrarium saß ein geschlechtreifes Vogelspinnenmännchen. Trotzdem wunderschön, denn auch Männchen muss es ja geben, aber für meine Tochter eine schreckliche Vorstellung, da ja das zu erreichende Alter eines Männchens weit unter dem eines Weibchens liegt.

Nach einer Verpaarung mit einem passenden Weibchen, dem erneuten Spermanetzbau, kam eine hyperaktive Phase des Bockes.

Obwohl das Terrarium nicht zu hoch war (40x40x25), stürzte er am 7.2.2010 ab und brach sich das 3. rechte Hinterbein zwischen Metatarsus und Tibia. Es trat über 3 Tage Tröpfchenweise Hämolymphe aus. Er versuchte das herunterhängende Teil abzubekommen. Es störte ihn merklich beim Klettern. Stundenlang saß er auf einer Stelle und setzte das Bein so auf, dass es sich unter dem Körper befand, fixierte es mit dem rechten hinteren Bein und bewegte den Körper akribisch hin und her. An dieser Stelle zwischen Tibia und Metatarsus befinden sich nur Beugemuskeln lt. Günter Schmidt, eine Streckung erfolgt hydraulisch, was durch das Hin- und Herbewegen erzeugt wurde. Er nahm nur das dahinter liegende Bein zu Hilfe. In dieser Zeit saß er auch sehr viel in seiner Wasserschale, um wahrscheinlich den Flüssigkeitsverlust auszugleichen.

Am 17.2.2010 war es dann vollbracht, das Stück war abgetrocknet und auch abgefallen. Man kann also feststellen, dass Vogelspinnen den defekten Teil am Körper lokalisieren können. Nicht nur an der Sollbruchstelle zwischen Coxa und Trochanter kann durch das Tier eine Selbstamputation instinktiv durchgeführt werden. Durch die mechanische Beanspruchung wurde die Versorgung der beiden Beinglieder unterbrochen und somit das Absterben und Abtrocknen erzwungen.

Auch ohne diese beiden Beinglieder war er ab sofort wieder sehr aktiv, kletterte, wurde erneut verpaart und erfreute sich bester Gesundheit. Bei jeder Bewegung gab es nun klickernde Geräusche ähnlich einem Holzbein, was sich besonders nachts gruselig anhörte. Der Wundverschluss, der durch das Zusammenziehen der Muskulatur herbeigeführt wurde, könnte also auch mit einer erhöhten Chitineinlagerung an dieser Stelle verbunden gewesen sein. Anders kann ich es mir nicht erklären. Ich habe beim Recherchieren nichts zum Wundverschluss bei Vogelspinnen gefunden.

Er verstarb am 8.4.2011, knapp 18 Monate nach seiner Reifehäutung, hatte vorher nur eine ganz kurze Zeit, in der er nicht mehr in der Lage war, sich zu putzen, oder Futter aufzunehmen.

Eupalaestrus campestratus

Und noch eine sehr interessante Erfahrung. Am 8.11.2009 erweiterte ich meinen Bestand um eine Eupalaestrus campestratus.

Sie häutete sich zum 1.2.10, 26.8.10 und zum 6.6.11 erfolgreich. Der Schock kam dann am 13.7.11, als ich morgens bei meiner Sichtkontrolle feststellen musste, dass sie sehr ungewöhnlich rumsaß. Das linke hintere Bein hing unter dem Körper, und sie saß verkrümmt und teilnahmslos da. Ich musste in die Arbeit, machte mir den ganzen Tag wirklich Sorgen, da ich nicht gesehen hatte, ob Körperflüssigkeit austrat. Nach der Arbeit fiel mein erster Blick auf meine Spinne, mit "Entsetzen" sah ich, dass sie ihr Bein fein säuberlich an der Sollbruchstelle zwischen Coxa und Trochanter abgetrennt hatte und es jetzt verspeiste. Sie hatte also am Morgen selbst für eine Abtrennung an der Sollbruchstelle gesorgt. Lt. Bastian Rast geht das folgendermaßen vonstatten : “ Die Autotomie geschieht willkürlich und wird durch das Tier gesteuert. Die Abtrennung der Extremität erfolgt an der präformierten Stelle zwischen Coxa und Trochanter... Eine starke Aufwärtsbewegung der Coxa ist ausschlaggebend, während der Femur als Wiederlager in seiner ursprünglichen Stellung bleibt. Der dazwischen liegende Trochanter wird dabei so verkantet, dass sich die Gelenkhaut löst bzw. einreißt. Da die Amputationsstelle nur von einem, leicht lösbaren Muskel durchquert wird, löst sich das Bein relativ einfach ab. Für den Wundverschluss sorgen die übrigen Muskeln, welche den Außenteil der Wunde zusammenziehen.“ Übrig blieb nach der „Mahlzeit“ nur ein Bällchen mit Haaren. In der Natur kommt eben nichts um!

Mehrere Tage danach saß sie öfters mit dem ganzen Körper in ihrem Wassernapf. Mittlerweile hat sie sich am 25.10.11 wieder gehäutet und das fehlende Bein auch ersetzt (natürlich nicht so groß), auch sind die Haare nicht so lang.

Auch dieses Beispiel zeigt, dass in der Natur alles perfekt angelegt ist und nichts "umkommt", was uns manchmal aber grausam und kannibalisch erscheint.